Sammlung

Karikaturen - vom Einzelblatt zur Sammlung

Eine kleine Geschichte meiner Sammeltätigkeit

Fernsehen gab es noch kaum, im Radio aber immerhin Hörspiele und viel Musik, auch die tägliche Lokalzeitung durfte im Haushalt der 50er-Jahre nicht fehlen. Die Schule mit vielen Kindern in jeder Klasse, die Arbeit der Erwachsenen und allerlei Vereine prägten unser Dorfleben am Bodensee. Eine Bereicherung  –  wenn auch sehr zum Missfallen unserer Eltern – waren für uns Schüler die  Comic-Hefte. Walt Disney‘s Bildergeschichten sowie „Tim und Struppi“, später auch „Asterix“, faszinierten unsere Kinderherzen immer wieder. Zwar fehlte uns das Geld, aber es fand sich immer ein Weg: ein einzelnes Heft wurde gekauft, dann untereinander ausgetauscht und von allen gelesen. Mussten wir mal zum Arzt, so lagen im Wartezimmer die Hefte des „Nebelspalter“ auf. Dort begegnete ich erstmals den fabelhaften Karikaturen von „Bö“ (Carl Böckli), Boscovits, René Gilsi, Rabinovitch, Lindi, Jakob Nef und vielen anderen. Sie gefielen mir spontan, ohne dass ich damals aber auch nur im Entferntesten an eine Sammlertätigkeit dachte. Das kam viel später.

 

In  den 70er-Jahren gab ich eine sogenannt sichere Arbeitsstelle auf und erfüllte mir zum Erstaunen meiner Bekannten den Traum eines kleinen Buch- und Kunstantiquariates. Die Kaufangebote waren dabei etwas vom Interessantesten. Sie kamen aus Familiennachlässen, Beständen von Firmen – meistens aber aus Privatbesitz. Was es da doch alles zu entdecken gab! Besonders ins Herz schloss ich sofort die Handzeichnungen der Karikaturisten. Weil der Verlag des „Nebelspalter“ in früheren Jahren in seinen Ausgaben immer inseriert hatte, dass die Originalzeichnungen der Künstler käuflich zu erwerben seien, waren sie nicht selten in privaten Sammlungen zu finden. Ich kaufte nach Möglichkeit alles. Manchmal ein Einzelblatt, oft aber kleine Sammlungen in Mappen. Es sprach sich herum und so wurden mir manchmal auch grössere Lots angeboten, aus dem Fundus von Firmen wie auch aus privaten Quellen.

Anfänglich stellte ich sie aus und verkaufte sie weiter. Bald aber weckten die politischen Darstellungen meine Neugier. Ich wollte mehr darüber wissen, legte die Blätter für mich zurück, recherchierte den Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen und wollte auch über die Künstler mehr erfahren. Einerseits beeindruckte mich die künstlerische Qualität, z.B. die frühen expressionistischen Blätter von René Gilsi, andererseits war es wie erwähnt der politische Hintergrund jener Jahre. Besonders spannend finde ich in diesem Zusammenhang die Zeit von 1920-1945. Da dokumentieren diese politischen Zeichnungen den Kampf gegen die Gewalt voller Überzeugung und Leidenschaft („Gegen Rote und Braune Fäuste“ - Titel eines Buches von „Bö“). Besonders freute mich in dieser Hinsicht, als ich das Originalblatt von Jakob Nef (1886-1977)  mit dem Titel „Gleichschaltung“ erwerben konnte. Diese politische Zeichnung missfiel den deutschen Machthabern damals derart, dass sie 1933 sofort ein bleibendes Verkaufsverbot für den „Nebelspalter“ in Deutschland verhängten.

Manchmal erkannte ich erst nach dem Kauf den Hintergrund und die zeithistorische Bedeutung der Darstellungen. So etwa bei den Blättern von Bil Spira. Über sein abenteuerliches Leben, seine Tragik und seine Bedeutung erfuhr ich erst später, als ich sein autobiografisches Buch „Die Legende vom Zeichner“ las.

Aus wenigen Einzelblättern ist im Laufe von vierzig Jahren eine grosse Sammlung entstanden. Sie ist nicht abgeschlossen, die Sujets und Texte werfen immer wieder neue Fragen auf.
Neben den rein humoristischen Zeichnungen sind es vor allem die Werke von unerschrockenen Künstlern, die in einer gefährlichen Zeit grossen Mut zur Wahrheit zeigten. Als Avantgarde haben sie auch viele aktuelle Themen unserer Zeit kritisch vorweg genommen.

Leider liess mir die Auktionstätigkeit nur noch wenig Zeit für diese Sammlung, von der Mitarbeit an einzelnen Ausstellungen abgesehen. Ich habe aber alles sorgfältig aufbewahrt mit der Absicht, später weiterzufahren und zu recherchieren. Dazu ist es jetzt an der Zeit! 

Vorbild für viele Karikaturisen war die grosse deutsche Zeitschrift „Simplicissimus“, deren Hauptzeichner Olaf Gulbransson (1873–1958)  sehr bewundert wurde.  „Ich verstehe nicht, warum die Leute böse über Karikaturen sind. Ein Gesicht, das sich nicht karikieren lässt, widert mich an. Es kommt daher, dass es überhaupt keinen Ausdruck hat“ – sagte Gulbransson.  

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Thomas Theodor Heine: sein 150. Geburtstag

"König Eduard im Jenseits"
"Unser Spezialkorrespondent im Himmel drahtet uns:
König Eduard soeben hier eingetroffen, hat sofort englische Flagge gehisst und von dieser Gegend Besitz ergriffen."

(Im "Simplicissimus" am 23. Mai 1910 ganzseitig publiziert.)


Vor 150 Jahren wurde  Thomas Theodor Heine (1867 - 1948)  geboren.   

Er war Zeichner, Karikaturist, Maler und auch Schriftsteller.

Seine Zeichnungen im "Simplicissimus" gehören zum Besten, was in satirischen Zeitschriften je publiziert worden ist. Diese Zeit ist hervorragend dokumentiert. Hier als kleine Hommage an diesen bedeutenden Künstler die dramatischen Geschehnisse ab 1933.

 Als im  März 1933 die „Simplicissimus“– Redaktion von einem SA-Schlägertrupp verwüstet wurde, endete der aussichtslose Kampf dieses mutigen Blattes gegen die immer mächtiger werdenden Nationalsozialisten. Der Redaktor Franz Schoenenberner (1892-1970) legte seinen Mitarbeitern dar, er wolle eher zurücktreten und emigrieren, als aus dem „Simpl“ ein Naziblatt zu machen. Er flüchtete am 20. März 1933  zu Fuss über die grüne Grenze in die Schweiz. Die Zeitschrift wurde in Deutschland der Nazi-Ideologie angepasst und gleichgeschaltet.

Der berühmte jüdische Zeichner Th. Th. Heine blieb seiner Überzeugung ebenfalls treu, musste aber ein vorgefasstes Dokument unterschreiben. 
Er durfte die Redaktion nicht mehr betreten, flüchtete über Berlin nach Prag ins Exil und betrat Deutschland nie mehr.  
Die Haltung von Gulbransson, Thöny, Karl Arnold und weiteren Künstlern war weniger konsequent. 
Es erbitterte Heine, dass sich viele Mitarbeiter des „Simpl“ auf seine Kosten rein wuschen. Zur plötzlich zeitgemäss gewordenen Schutzbehauptung dieser Kollegen, sie seien nur durch „den Juden Heine“ zu ihrer nazi-kritischen Haltung verführt worden, hatte er nur Spott übrig: „Sie kommen mir vor wie ein Mädchen, das neun Kinder hatte und angeblich jedes Mal vergewaltigt worden war“ schrieb er in einem Brief an Rudolf Grossmann im März 1933. 

Auf den Niedergang dieser berühmten kritischen Zeitschrift folgte die grosse Zeit des Nebelspalters. Wie er mit künstlerischen Mitteln gegen die brutalen Machtverhältnisse ankämpfte, hat historische Bedeutung, nicht nur für die Schweiz.  

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