Biographien aus Art brut und Naiver Kunst

Ein Appenzeller Bauernmaler:

Johannes Rotach  (Hundwil 1892 - 1981 Herisau)

Als viertältestes von acht Kindern eines armen Kleinbauern wurde Johannes Rotach am 1. September 1892 in Hundwil AR geboren. Ein Sprachfehler und Schwerhörigkeit liessen ihn nur mit Mühe sieben Jahre Primarschule durchlaufen. Der Schulzeit folgte ein armseliges Dasein als Knecht – von 1915 bis 1930 in Mörschwil SG, aber auch an verschiedensten Orten im Appenzellischen.

Eher untypisch für zukünftige Bauernmaler jener Zeit, war Rotach Autodidakt. Schon als Kind zeichnete er am liebsten Kühe. Diese Freude am Malen und Zeichnen führte letztendlich zu einem Gesamtoeuvre von ungefähr 200 Bildern - vorwiegend Auftragsarbeiten für Bauern. Leider ist bis heute nur noch etwa die Hälfte dieser Bilder erhalten geblieben.

Laut Angaben seiner älteren Schwester, begann Johannes Rotach im Jahr 1910 zu malen. Aus heutiger Perspektive gelten die Jahre zwischen 1910 und 1930 denn auch als Rotachs frühe Schaffensphase. Bedauernswerterweise sind bis jetzt aus diesen zwanzig Jahren nur etwa 10 Bilder bekannt. Daraus lässt sich schliessen, dass einerseits einige Frühwerke verloren gingen, andererseits Rotach zu dieser Zeit nur wenig künstlerisch aktiv war. Eine Besonderheit in dieser Zeit stellen die sogenannten „Blumenbilder“ dar: Für die Darstellung von Frühlingswiesen verzichtete Rotach auf einfarbige grüne Flächen zugunsten von reichem Blumenschmuck. Ebenfalls auffällig ist die Tatsache, dass Rotach seine Bilder erst ab dem Jahr 1924 regelmässig datierte und signierte.

Auch in den folgenden zwanzig Jahren bleibt die Zahl der uns heute bekannten Werke Rotachs klein. Kennzeichnend für seine Bilder zwischen 1930 und 1950 ist das Hellerwerden des Farbauftrags bei sich gleichbleibender, sehr feiner Pinselführung.

Eine glückliche und ruhigere Phase in Rotachs Leben markiert die Zeit nach 1951, nachdem der Armenpfleger Konrad Rotach den Künstler aus dem Bürgerheim Speicher – in welches dieser kurz zuvor eingetreten war – herausholte und zu sich nahm. Gemeinsam besorgten sie das Anwesen „Einsiegeli“ bei Schwellbrunn AR. Endlich bot sich Johannes Rotach die Möglichkeit seiner Lieblingsbeschäftigung, der Malerei, intensiver nachzugehen. Es erstaunt daher auch nicht, dass in ebendieser Zeit die meisten seiner Bilder entstanden.

Charakteristisch für die Arbeiten dieser Zeit sind die kräftigen Farben. Insbesondere Senntumbilder mit blühenden Wiesen und Bäumen entstehen. Zurückzuführen ist diese Art und Weise der Darstellung sicher auf ein immenses Glücksgefühl, das Rotach durch seine neue Situation empfand. Gleichzeitig scheint ihn aber auch seine abnehmende Sehkraft zu einem wahren Lichthunger und einer Sehnsucht nach bunten Farben getrieben zu haben. Für diese Annahme spricht zusätzlich seine immer ungenauer werdende Pinselführung.

Dies ist auch die Zeit, in der vereinzelt Sammler auf Johannes Rotach aufmerksam wurden. Allerdings waren seine Auftraggeber meist bescheidene Bauern, denen ein Bild des damals schon berühmten Senntummalers Johann-Baptist Zeller zu teuer war. Bezahlt wurde Rotach für seine Kunst mit Verpflegung, sowie - je nach Grösse des Bildes - in den früheren Zeiten mit fünf bis zwanzig, später sogar mit bis zu einigen hundert Franken.

Ab dem Jahr 1960 liess Johann Rotachs Sehkraft immer stärker nach, er wurde zunehmend gebrechlicher. Nach dem Tod des Armenpflegers Konrad Rotach im Jahr 1974 lebte Johannes Rotach im Altersheim Herisau, wo er 1981 starb.

Rotach hatte weder Kenntnis von den Gesetzen der Farbenlehre noch von denjenigen der Perspektive. Er benutzte ungemischte Farben und stellte die von ihm geliebten Kühe stets viel grösser und prächtiger dar als die übrigen Bildbestandteile. Die kräftigen ungemischten Farben, die mangelnde Perspektive und die monumentale Darstellung der Kühe erzielen eine starke Wirkung, die allerdings nicht selten auf den ersten Blick als derb und primitiv missverstanden wird. Eine intensivere Betrachtung der Bilder macht jedoch die grossartige Fertigkeit des Künstlers bezüglich Bildkomposition deutlich.

Johannes Rotach gilt als der letzte grosse Bauernmaler im klassischen Sinn, der noch im 20. Jahrhundert ein unverkennbares, eigenwilliges und deshalb authentisches künstlerisches Werk hinterlassen hat.

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Alpfahrt mit Weiden, Häusern, Hohem Kasten und Kamor.

Einer der wichtigsten Vertreter der Art brut:

Jakob Greuter   (Riet/Sulgen 1890 - 1984 St. Gallen)

Der Versuch dem Leben von Jakob Greuter anhand von Jahreszahlen beizukommen ist eine spezielle Herausforderung: Der Art-brut-Künstler selbst legte keinen Wert auf die Genauigkeit seiner biographischen Angaben und stiftete mit widersprüchlichen Nennungen allerhand Verwirrung. Die Spärlichkeit und Ungenauigkeit der Informationen charakterisieren Jakob Greuter letztlich jedoch aufs Trefflichste: Er galt als ausgesprochener Eigenbrötler, der ein äusserst zurückgezogenes Leben führte.

Der klein gewachsene, nicht besonders gesprächige Mann war beinahe vierzig Jahre seines Lebens Arbeiter bei der Abfuhr der Stadt St. Gallen angestellt. Er war zweimal verheiratet und hatte drei Kinder. Seinen Militärdienst verrichtete er als Gebirgs-Sappeur, eine Zeit, die ihm sehr wichtig war und in der er auch zu seine Leidenschaft zum Zeichnen und Malen fand.

Einzelgängerisch wie Jakob Greuter war, widmete er seine gesamte freie Zeit dem Zeichnen. Genauer dem Nachempfinden von Ereignissen aus der Zeit, aus Berichten, Zeitungen und Tagesthemen - einfach, was ihn innerlich berührte. Unermüdlich zeichnete er in der Art einer Chronik, die er auf künstlerische Art verarbeitete. Wichtig waren ihm Vorlagen, nach denen er seiner Fantasie freien Lauf lassen konnte. Dabei erhielten seine Zeichnungen einen durchaus eigenständigen Charakter. Die oftmals schwarzweissen Vorlagen erhielten in seinen Versionen meist Farben, die übernommenen Sätze sind fern von orthographischer Korrektheit.

Jakob Greuter schuf zahlreiche Zeichnungen und pflegte eine innige Beziehung zu seinen Arbeiten. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Kunstschaffenden hatte er keinerlei Interesse am Verkauf seiner Blätter; es war schliesslich seine eigene Welt.
Nicht zuletzt daran erkennt man in Jakob Greuter einen typischen, ja vielleicht den besten Vertreter der Aussenseiterkunst:  Gemüt und Lebensumstände einfach und authentisch, schuf er mit Beharrlichkeit ein beträchtliches und in sich konsistentes Werk. Er blieb Zeit seines Lebens sehr eigen, liess sich in seiner Kunst nie instrumentalisieren und blieb weitgehend unberührt von äusseren Einflüssen aus dem Kulturbetrieb.

Oftmals signierte Jakob Greuter seine Werke mit dem Satz: „Hoppi Vantasi ungelernter Maler Greuter Jakob“  (Hobby Fantasie ungelernter Maler...)  - ungewöhnlich, speziell und gerade deshalb so faszinierend. 

 

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"Der Italiener"

Ein Hauptwerk des Künstlers, das in seiner Stube neben der Standuhr hing und ihm jeden Tag Freude schenkte.