Biographie Carlos Schneider

Carlos Schneider (1889 Rebstein 1932)

Karl Heinrich Schneider - genannt Carlos Schneider - wurde am 19. Juli 1889 in Rebstein im St. Gallischen Rheintal geboren. Er wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sein Vater hatte es als Sohn eines Bergbauern zu einer leitenden Stellung als Kaufmann in der Stickereibranche gebracht und trug den Ehrenbürgertitel von Rebstein.

Carlos Schneider hatte bereits als Kind Probleme mit seiner Gesundheit. Als Siebenjähriger wurde er zudem Halbwaise: Seine Mutter starb bei der Geburt seines jüngsten Bruders.
Obwohl gesundheitlich chronisch belastet, war Carlos Schneider ein äusserst aufgeweckter und vor allem sprachbegabter Schüler. Scheinbar mühelos erlernte er Französisch, Englisch, Portugiesisch, Griechisch, Russisch, Spanisch und Arabisch. Unter diesen Voraussetzungen galt er geradezu als prädestiniert, eine steile Karriere als Kaufmann in der Textilindustrie oder alternativ als Diplomat ins Auge zu fassen. Bereits in der Kantonsschule wurde seine Ausbildung allerdings durch den Ausbruch einer schweren Brustfellentzündung abrupt unterbrochen. Der fünfzehnjährige Carlos Schneider musste zur Genesung zwei Jahre in Sanatorien in Davos verweilen.

Nach seiner Rückkehr aus Davos beendete Carlos Schneider seine Ausbildung in der kaufmännischen Abteilung der Kantonsschule St. Gallen. Auf einen anschliessenden Besuch der Handelsschule in Barcelona folgte der Beginn einer Lehre in der renommierten Stickerei-Exportfirma Rohner in Rebstein, bei der auch sein Vater arbeitete.

Nur ein halbes Jahr später erlitt Carlos Schneider jedoch einen Krankheitsrückfall, der ihn zwang, erneut Heilanstalten in Davos und in Ägypten aufzusuchen. Er konnte aber nicht vollständig geheilt werden.  Nach 1910 wurden immer häufiger Kuraufenthalte nötig. Zu allem Überfluss erkrankte er auch noch an Typhus.
Es war in den Phasen seiner Krankheit, während langwieriger Aufenthalte in zahlreichen Sanatorien, als Carlos Schneider zu malen und zu zeichnen begann und schliesslich den Entschluss fasste, seiner wahren Berufung als Künstler stattzugeben  –  auch wenn dies gleichzeitig bedeutete, ein Leben in steter finanzieller Unsicherheit zu akzeptieren. Gerade seinen bewussten Verzicht auf die monetäre Absicherung eines Berufs mit kaufmännischem Hintergrund, zugunsten eines brotlosen Daseins als Künstler, konnte seine Familie – von der er zeitlebens finanziell abhängig bleiben sollte - nur sehr schwer nachvollziehen. Sein Vater  schätzte in zwar sehr, aber zur Kunst hatte er keine Beziehung, schon gar nicht zur Moderne. Carlos Schneider und seine Angehörigen entfremdeten sich.

In den Jahren von 1916 bis 1919 liess sich Carlos Schneider in Genf und Lausanne in Kunst unterrichten. Daraufhin folgte ein ausgedehnter Italienaufenthalt, wobei er sich hauptsächlich in Florenz aufhielt.

Im Alter von 32 Jahren zog Carlos Schneider nach München. Er bezog dort ein eigenes Atelier in München-Schwabing, an der Hohenzollernstrasse 11 und lebte in sehr bescheidenen Umständen. So wie viele Schweizer Künstler jener Zeit, kam auch Carlos Schneider in München mit dem Expressionismus in Berührung. Nur wenige dieser Kunstschaffenden wurden allerdings in ihrem weiteren Schaffen so nachhaltig und vehement davon geprägt wie er. Der Expressionismus bestimmte fortan seine Formensprache.

Der Umzug nach München eröffnete ihm ganz neue Möglichkeiten in seiner künstlerischen Laufbahn. Seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Barbara Augustin, verehrte sein Werk und gab sogar ihren Beruf und eine erfolgversprechende Karriere auf, um immer bei ihrem geliebten Mann  und Künstler zu sein.

Carlos Schneider war weit davon entfernt, Kunst allein als naturgetreue Wiedergabe der Umwelt zu verstehen. Für ihn war sie ein Mittel, um hinter  das Täuschende der blossen Oberflächen zu blicken und um das Leben so ehrlich und ungeschminkt darzustellen, wie es sich ihm präsentierte.
Seine Bilder bergen denn auch eine tiefe Ernsthaftigkeit und sprechen nicht selten von seinen persönlichen Gefühlen und seiner seelischen Not. Zeit seines Lebens rang er mit Krankheit und drohendem Tod, fühlte sich letztlich von seiner Familie verlassen und missverstanden. Er fand - um aller Tragik noch einen Höhepunkt aufzusetzen - auch den Wert seines künstlerischen Schaffens in höchstem Masse unerkannt. Erst in seinen letzten, von Krankheit geprägten Jahren, zeigten sich erste wichtige Erfolge.

Der Künstler bleibt uns bis heute in vielerlei Hinsicht rätselhaft: Er hinterliess keinerlei Aufzeichnungen, ja oft signierte er nicht einmal seine Bilder. Umso schwieriger ist es, Aussagen über seine künstlerische Entwicklung oder gar über sein Privatleben zu recherchieren. Belegt sind soziale Kontakte mit dem Schweizer Lehrer und Musiker Ernst Osterwalder aus Altstätten SG, der die Kunst von Carlos Schneider sehr bewunderte und Arbeiten von ihm ankaufte. Er wollte den hochbegabten Künstler in seiner Heimat bekannt machen.

Von Kontakten zu anderen Schweizer Malern in München weiss man wenig. Er war der Geselligkeit mit gleichgesinnten Malerfreunden zwar nicht abgeneigt, aber es durfte niemals auf Kosten seiner künstlerischen Arbeit gehen - als ob er wüsste, dass ihm nur eine kurze Schaffenszeit blieb.
Aber trotzdem haben in München Malerkollegen von ihm sein Werk in einer freien Ausstellung des Deutschen Künstlerverbandes mit einer Gedenkausstellung geehrt.

Im Werk von Carlos Schneider finden sich neben Gemälden mit religiöser Thematik und Landschaften zahlreiche Selbstbildnisse. Auch Barbara Augustin, seine Muse, malte er oft.

Auffällig an seinen Stillleben ist das wiederkehrende Motiv der Kakteen.

Während des zweiten Weltkriegs wurde leider ein Teil seiner Werke  in München in seinem ehemaligen Atelier durch Brand zerstört. Allerdings hatte zuvor ein Bekannter der Schauspielerin Barbara Augustin, Herr Siegfried Boeck-Beham (der sie kurz nach dem Tode des Künstlers kennenlernfen durfte), viele Werke in das Landhaus seiner Eltern ins ländliche Bayern gebracht, um sie vor den Nationalzsozialisten zu retten.

Der Bruder des Künstlers, Franz Schneider (gennant "Chico"),  pflegte nach dem frühen Tod seines Bruders engen Kontakt zu Barbara Augustin. Er lebte als Repräsentant einer grossen internationalen Firma in England. Durch seine weltweiten Beziehungen wollte er dem Oeuvre seines Bruders die gebührende Anerkennung verschaffen. Aber durch den Krieg brach die Verbindung zu München ab. 1945 starb Franz Schneider ebenfalls in jungen Jahren.

Die Bilder wurden in sein ehemaliges Atelier zurück gebracht, wo sie Barbara Augustin pflegte und verwaltete. Sie lebte bis zu ihrem Tod im Jahre 1951 in grosser Armut. Der Haushalt wurde vom Sozialamt übernommen und damit auch der künstlerische Nachlass von Carlos Schneider.

Was für eine Ironie: während der Kriegsjahre wohlbehütet, wurden kurze Zeit später die Werke in alle Winde zerstreut und gingen zum Teil verloren!

Erst ab 1930 wurde die Kunstszene in München auf sein Werk aufmerksam. Es wurden erstmals in grösseren Galerien Gemälde von ihm gekauft. 1931 stellte die Galerie Caspari in München seine Gemälde aus, 1932 folgte eine Gedächtnisausstellung in der Städtischen Galerie München.

Im Jahr 1931 kehrte Carlos Schneider in seine Heimat nach Rebstein zurück. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits todkrank. Am 19. Mai 1932 erlag der junge Künstler in Rebstein einer Lungentuberkulose.
Es ist tragisch, dass erst zu diesem Zeitpunkt seine Kunst anerkannt wurde.

In der Schweiz wurde seine grosse Begabung erst erkannt, als sein Freund Ernst Osterwalder ihm zu Ehren Gedächtnisausstellungen organisierte. Das Kunstmuseum St. Gallen, das einige seiner bedeutenden Werke besitzt, zeigte 1938 viele seiner Gemälde in einer grösseren Ausstellung.
Erst im Jahre 1990 folgte wieder eine umfassende Retrospektive in Rebstein, zu der eine reich illustrierte Broschüre erschien.