Biographie Sibylle Neff

Eine Würdigung – Neff Sibylle (1929 - 2010)

Zur Verleihung des Kulturpreises an Sibylle Neff

Das Land Appenzell, das über eine so reiche Kultur und so viele bedeutende Künstler zählt wie kaum eine andere Region in der Schweiz, ist sicher zu Recht zurückhaltend und wählerisch, wenn sie den Kulturpreis als höchste Anerkennung verleiht. Dass sie damit das Werk einer unbequemen, überaus kritischen Künstlerin ehrt, die sich selbst als «ke Ringi» beurteilt, spricht sehr für das Kunstverständnis aller Verantwortlichen, auch für deren Fairness – vor allem aber spricht diese Entscheidung für Sibylle. Ich freue mich.

Sibylle...
Am Anfang möchte ich den Schriftsteller Robert Walser, den die Künstlerin selbst sehr schätzt, sinngemäss zitieren. Seine Worte passen zu Sibylle.

Er schrieb in einem seiner ganz privaten Mikrogramme 1927:
«Ich erinnere mich und bin denkbar aufrichtig, wenn ich glaube, dass mich jetzt nur ganz, ganz wenige begreifen und sage mit bescheidener Dreistigkeit, dass wenn ich eine Aussicht anblickte, eine Morgen- oder eine Abendstimmung wertete und hoch schätzte, dass ich dann stets nur ernst über mich und die Menschheit und das Sein und das Sternenreich dachte – doch seltsam, sobald ich mich zu schriftstellern entschloss, umflatterten mich Fröhlichkeiten, als wäre alles leicht und nicht schwierig auszusprechen»…

Das Schriftstellern und das Malen haben etwas gemeinsam, sie wenden sich dem Schönen und Wahren zu, lassen den Kummer zurück. Sie möchte doch nur ihre Ruhe haben, hat Sibylle mir kürzlich gesagt. «Gell du verstehst mich»…  und winkt mit der Hand rasch ab. Gleich denkt sie wieder nach und fährt fort « Weisst du, meine Gedanken rasen manchmal so schnell wie auf einer Autobahn. Mit Gegenverkehr, und alle so schnell, tausendmal gleichzeitig, das ist nicht einfach». Gedanken halten sich halt nicht an Empfangszeiten, sie kommen wann sie wollen.

Ich frage Sibylle, was ihr malen und schreiben bedeuten. Leise sagt sie, die Menschen seien oft traurig, wenn sie allein sind im Leben. Sie sei oft alleine gewesen. «Bilder erzählen Geschichten, schenken ein Lächeln», erklärt sie. Sie vergleicht Bilder mit einem Schutzengel, an den sie immer glaube und der ihr Kraft gebe. «Oft habe ich mich gewundert, wie ich für etwas den Mut und die Kraft aufgebracht habe. Für Geld habe ich nie gestritten, nur für die Gerechtigkeit. Man soll etwas tun, helfen, wenn man kann»“ Und sie spricht vom Grundrecht aller Menschen, in Ruhe leben zu dürfen. Jemandem die Ruhe zu rauben, das  sei schwerer Diebstahl und sollte bestraft werden.Das bringt mich auf die Frage, was für Menschen denn ihre Vorbilder seien. „Lebdigi kenn i kee…“ und zögert  „aber de Remo Broger vilicht“. Und sonst halt der Pestalozzi, Gotthelf, die Maler Hodler und Anker, die seien wie Fixsterne am Himmel. Man bewundert und sieht sie, kann sie aber nicht erreichen. „Meine liebsten Freunde jedoch sind die Tiere, meine Katze damals und mein Hund».

Sibylle und die Kunst
Von Sibylles Kunst weiss man einfach, dass sie vortrefflich ist. Man ahnt, dass sie auch lange nach unserer Zeit bewundert und behütet sein wird. Ihre Bilder erzählen von Sibylle und ihrem Land Appenzell. Von den kleinen Dingen, die alles ausmachen. Ihre Malerei ist ein Teil ihres Lebens. Jener Teil ihres Lebens,  wo plötzlich Ruhe um sie war. Wo ihre tausend Gedanken sich in der Stille fanden. Wo Landschaft, Geschichten und Farben sich zu einem Kunstwerk vereinten. Sibylle ist eine unbestechliche Beobachterin, nichts entgeht ihr. Sie sucht nach der Wahrheit. Sie findet sie in ihren Bildern, wo wir sie immer wieder neu entdecken dürfen.

Ist Sibylle eine Bauernmalerin? Gehört sie zu den Naiven oder zur  Kunstrichtung der „Art brut“?  Oder sollte man einen neuen Weg definieren, etwa die „Sachliche Poesie“? Ich glaube, man sollte nicht versuchen, sie einzuordnen. Man beurteilt sie falsch mit Etiketten.  Das wird ihr nicht gerecht, das ist allenfalls für kunsthistorische Buchhalter von Interesse. Wirkliche Kunst ist immer auf eine Art naiv und ehrlich. Die grossen Malerpersönlichkeiten schwimmen niemals mit dem Strom.

Sibylle selbst ist alles andere als naiv. Sie fragt nach dem warum, stellt in Frage, sagt ja oder sagt nein. Zwar hatte schon früh der berühmte Bauernmaler J.B. Zeller ihr Talent erkannt. Ihre ersten Eindrücke erhielt sie aus dieser Richtung. Sie selbst besitzt und schätzt gute Arbeiten der klassischen Bauernmaler. Aber sie mag es nicht, als Bauernmalerin bezeichnet zu werden. Sie denkt dabei an Folklore. Kurze Zeit habe sie zwar in dieser Art gemalt, räumt sie ein. Sie nennt sogar ein grosses Sennenbild, das sie früher gemalt habe. Aber die Idylle habe ihr nicht so recht gepasst und sie habe  dieses Gemälde in fünf ordentliche Bilder geschnitten. Jedes für sich sei viel schöner als das monumentale, sagt sie. Die Bilder sollen so sein, dass man Freude daran habe. Das sei das wichtigste.

Schauen Sie Ihre Bilder immer wieder an - die Kunst von Sybille ist einzigartig und unverwechselbar. Und doch zeigen sich Gemeinsamkeiten mit dem Lebenswerk anderer bedeutender Malerpersönlichkeiten.
Einerseits ist dies die geniale Toggenburger Malerin Babeli Giezendanner, und dann vor allem Adolf Dietrich aus Berlingen. Die Entwicklung dieser meisterhaften Künstler verlief ähnlich. Das Naturtalent zum Zeichnen ist ihnen gemeinsam, ebenso der grossräumige Blick aufs Ganze, wo aber immer auch das Detail seinen Platz hat. Die Regionen Appenzell, Toggenburg und Untersee dürfen sich glücklich schätzen, Künstlerinnen und Maler von diesem hohen Rang zu haben.

Sibylle Neff hat einige ihrer bedeutenden Bilder selbst kommentiert, u.a.:

Der nervöse Arzt
«Wen wundert's, wenn ein Landarzt im hügeligen Appenzellerland von den Hausbesuchen zurückkommend in seinem Wartezimmer noch mehr Patienten als Stühle vorfindet, die alle noch via Extremitäten über Herz und Nieren geprüft sein wollen, dass er nervös ist»? So die Künstlerin. Sibylle wartete ebenfalls, beobachtete die Patienten, prägte sich alles ein und liess daraus ein Bild entstehen. «Fast mit der Türe ins Haus, mit heftigen Worten flog dann urplötzlich ER, der Arzt, Wild hiess er ja auch mit seinem Namen, ins Wartezimmer». Die drei nervösesten Frauen, Sibylle zählte sich auch dazu, (obwohl sie erst am Schluss an der Reihe gewesen wäre, «flogen auch gleich von ihren Stühlen», wie sie schreibt. Aus dieser Situation erzählt uns Sibylle poetisch und humorvoll die Geschichte aller dieser Patienten und des Arztes. Am Schluss vom Bäuerlein, dem das Warten zu lange wurde und dem der Arzt sowieso zu nervös war. Doktor Wild wollte ihn aufhalten, aber das Bäuerlein meinte zu ihm: «I globe i gange do, Doktor, du bischt chrenke as i».

Funkensonntag
Dieses Bild erzählt die Geschichte über einen  eindrücklichen Frühlingsbrauch,  mit Höhenfeuern den Winter zu vertreiben. Sie zeigt, wie ein ehrgeiziger, fast sportlicher Wettbewerb zwischen den Quartieren um das schönste Feuer stattfindet. Selbstverständlich gewinnt bei Sibylle mit grossem Triumph das damals ärmliche Quartier „Ried“.

Das Glück des Einsamen
Das Bild erzählt vom rechtschaffenen, altledigen Inauen am Berg droben, wie sie schreibt. Sie sinnt nach, warum der Wecker auf dem Nachttisch halb zwei werden liess.  Und Sibylle findet die Lösung in seinem grossen Hoffen auf die Liebe.  Ein Brieflein mit einer Fotografie drin, die er an sein Herz drückte, so fest, dass es auf den Boden fiel, wie auch seine Backpfeife, weil er selig eingeschlafen war. Und Sibylle war zufrieden.

"Eesamm ond elee"
Gwunderfitzig, wie Sibylle war, trat sie in ein Haus und fragte den Vetternbueb (das ist der älteste der Familie, der im Haus blieb) nach dem Weg. Sie skizziert alles, malt zuhause weiter. Die Mutter bittet, nicht einen solchen Psychopathen zu malen, sondern einen fröhlichen schönen jungen Mann mit roten Backen und Chrüseli  - doch Sibylle malte alles, wie sie es mit ihren Augen gesehen hatte.

Viehgant auf dem Landsgemeindeplatz
Das grosse Dorfereignis, wo alle zusammen kamen. Der „Trubenphilipp“ (vom Restaurant Traube), der auf lustige Weise die Preise in die Höhe treibt – schliesslich hat er ja seine Prozente am Umsatz, bemerkt Sibylle scharfsinnig. Auf dem Bild erkennt man ihren guten Vater, der im Freien Dachkännel zusammensetzt. Links vom Baum den Wagen mit den überzähligen Ferkeln und die Händler, die im Anmarsch sind. Menschen, glückliche und andere, ein Bauer mit seinem Fünfpfünderbrot für seine Familie. Vor dem Hotel die Feriengäste, alle einen Kopf grösser als wir Appenzeller, wie sie feststellt.

Grossstadtleben «Paris»
1974 war Sibylle mit ihrer Mutter in Paris, kam dort in noble Kreise, wie sie schreibt. Der Monsieur war begeistert von ihren Bildern und bot ihr an, von ihren Arbeiten eine Ausstellung zu organisieren. Aber zuerst wollte er ein Bild selber, für sich, von Paris. Sibylle liebte die Stadt nicht, fand sie kalt und die Mansarden abscheulich. Aber ein Bistrôt fing sie an zu lieben, skizzierte dort und malte das Bild zuhause, arbeitete lange daran. Sie wollte es dem vornehmen Herrn dann schicken, doch ihrer Mutter gefiel das Bild zu sehr – es dürfe nicht verkauft werden. Sie könne ja noch eines malen von Paris. Doch Sibylle mochte nicht noch mal in diese ferne, fremde und kalte Stadt,  und so blieb das Bild in Appenzell!

Wallfahrer-Ehepaar
Maria im Ahorn hier in Appenzell ist ein Wallfahrtsort wie z.B. Lourdes - nur viel kleiner.4 ½ bis 5 Stunden beträgt der Weg hin und zurück. Wer etwas erbittet, erzwängt, erhofft, für etwas dankt, der macht den Weg zu Fuss und betet ohne Unterlass. Nun – meine zwei alte Eheleutchen sind auf dem Rückweg nach Hause, 15 Minuten vor Ap­penzell. Die Frau geduldig, wie eine Frau sein soll, lächelnd, etwas bleich, der Mann gewaltig froh, des vielen Betens abzukommen (so eine Art Aloisius, meine ich), „oosööd“ wie mir Sibylle erklärte, ungeduldig das Noster mehrmals um seine Handknö­chel gewunden.

Sibylle zaubert also auch mit Worten Bilder vor unsere Augen. Sie laden ein zum Nachdenken.
Ebenso ihre Gedanken. Sie sagt zu mir: „Die meisten Leute, besonders Männer, wollen Helden sein. Das sollen sie nicht. Ein Mensch sein genügt“. Da ist sie schon wieder, die politische, kämpferische Sibylle, urplötzlich. Auch sie verdient unsere Anerkennung. Mit leisem Stolz schildert sie mir im weiteren, wie sie kürzlich vor einer Männergruppe ihre unkonventionelle Meinung kund tat, und die seien „verstobe wie d Schwobechäfer im helle Liecht....“  Manchmal staune ich über Sibylle, die „Ein-Frauen-Partei“, wie sie sich auch schon nannte.  Von den einen verehrt, von den andern gefürchtet. Ich zähle mich mit Freude zur ersten Gruppe.
Doch die andere, die malende Sibylle mit ihren Meisterzeichnungen und den Tafelbildern, hat mit ihrem Werk für uns alle Grosses und Bleibendes geschaffen.
Wir sollten ihren Hauptwerken immer wieder begegnen dürfen. Am schönsten sicher im Museum Appenzell. Das wäre eine gute Nachricht, wenn es wirklich zustande kommt. „Es ging mir schon gut, als es mir noch gar nicht gut ging“, hast du mir kürzlich  erzählt, und das habe dich gewundert. Ich solle oft daran denken und solle es aufschreiben.

Für mich bist du eine erstaunliche,  eine liebenswerte Kulturpreisträgerin. Ich denke mit einem Lächeln, was du mir seinerzeit als Widmung ins Buch geschrieben hast:


„Die braave Appezöller springid em Moge i d’Chülche, denn.....  streuid’s Salz uf d’Schnegge“. 

 

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