Biographie Babeli Giezendanner

Babeli Giezendanner  (eigentlich Aemisegger-Giezendanner Anna Barbara, 1831 - 1905)

Die Toggenburger Senntum-Malerin Anna Barbara Giezendanner, genannt Babeli, wurde am 29. Mai 1831 im Weiler Bendel der Gemeinde Ebnat-Kappel geboren. Sie wuchs gemeinsam mit acht Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie wechselte häufig ihren Wohnort innerhalb der Gemeinde und blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont. Im Zeichnen wurde Babeli Giezendanner von ihrem Vater unterrichtet, der neben seiner Tätigkeit als Landwirt zeitweilig auch als Lehrer beschäftigt war.

Im Alter von dreissig Jahren heiratete Babeli Giezendanner den Schuhmachermeister Ulrich Aemisegger aus Hemberg. Auch mit ihrem Ehemann führte sie ein Nomadenleben innerhalb der ländlichen Gemeinde. Obwohl Babeli Giezendanner landwirtschaftliche Arbeiten nicht gerne verrichtete, musste sie sich darauf konzentrieren. Das Zeichnen und Aquarellieren geriet zeitweilig in den Hintergrund. Das Paar hatte drei Söhne.

Im Jahr 1873 wurde Babeli Giezendanner überraschend Witwe: Ulrich Aemisegger stürzte an einem verschneiten Winterabend auf seinem Weg nach Hause von einer Brücke und ertrank im Fluss. Von nun an musste Babeli Giezendanner den Lebensunterhalt von sich und ihren Söhnen alleine bestreiten. Sie nahm Gelegenheitsarbeiten wahr und betätigte sich als Weberin. Vor allem aber besann sie sich auf ihr zeichnerisches Talent zurück.

Indem sie beim Lithographen Johann Georg Schmied in Lichtensteig als Zeichnerin tätig war und auch Auftragsarbeiten für eine überwiegend bäuerliche Kundschaft ausführte, hielt Babeli Giezendanner sich und ihre Familie mit der Kunst über Wasser. Erneut nahm sie zahlreiche Wohnortswechsel in Kauf und musste in ihrer finanziellen Not sogar mit ihren Werken hausieren. Für grosse Bilder verlangte sie fünf Franken, für kleine Arbeiten die Hälfte. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Nachfrage nach ihren Zeichnungen stark abnahm, gelang es Babeli Giezendanner trotz zahlreicher Bemühungen nicht mehr alleine zurechtzukommen. So zog sie schliesslich im Alter von siebzig Jahren zu ihrem Bruder Abraham Giezendanner-Künzler, der in Rheineck das Gasthaus „Zur Toggenburg“ bewirtschaftete. Es wurde ein Aufenthalt von kurzer Dauer: Um dem Bruder und dessen Familie nicht zur Last zu fallen, übersiedelte Babeli Giezendanner für ihre letzten Lebensjahre freiwillig ins Armenhaus in Hemberg. Dort verstarb sie am 18. Oktober 1905.

Babeli Giezendanner ist nicht allein für die Toggenburger Kunst des 19. Jahrhunderts von grosser Bedeutung, sondern für diejenige der gesamten Ostschweiz. Als einzige Frau unter zahlreichen Bauernmalern dieser Region gelang es ihr, ein äusserst vielfältiges und eigenständiges Werk zu erarbeiten. Obwohl sie erwiesenermassen Kontakt zum bekannten Bauernmaler Johannes Müller aus Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden pflegte – er war vermutlich eine Art Lehrmeister für sie – unterscheiden sich ihre Arbeiten doch wesentlich von den typischen Appenzeller Malereien.

Babeli Giezendanner schuf Feder- und Bleistiftzeichnungen, sowie Aquarelle. Als Motiv wählte sie bevorzugt Alpfahrten, aber auch Dorf- und Hausansichten. Typisch für ihre Handschrift sind ein zarter, beinahe biedermeierlicher Stil, eine gekonnte Setzung der Perspektive, sowie eine realistische Wiedergabe des Bildgegenstands. Genau diese Charakteristika positionieren sie abseits von den typischen Appenzeller Bauernmalern, deren Kennzeichen insbesondere auf Spontaneität und Naivität basieren. Gut erkennen lassen sich Werke von Babeli Giezendanner auch an der Art und Weise wie sie Bäume darstellte: Sie entwickelte hierzu, unter Verwendung farbgetränkter Wollfäden, eine spezielle „Tupftechnik“.

Leider verzichtete Babeli Giezendanner bei all ihren Arbeiten auf Datierung und Signatur. Ein zeitliche Einteilung ihrer Werke und somit Aufschlüsse über ihre künstlerische Entwicklung sind aus diesem Grund kaum möglich. Auch das Ausmass und die Vielgestaltigkeit ihres Oeuvres bleiben letztlich bis zu einem gewissen Grad geheimnisvoll.