Biographie Jakob Nef

Jakob Nef (1896 Herisau 1977)

1896 kam Jakob Nef als Sohn von Anna Tobler und Jakob Nef in Herisau zur Welt. Er wuchs mit zwei Schwestern im «Haus zur Lerche» - den Herisauern auch als Bazar bekannt - auf. Dort führte seine Mutter einen Gemischtwarenladen, der Vater war als kaufmännischer Angestellter in St. Gallen tätig.

Jakob Nef besuchte in seinem Heimatort die Primar- und Realschule, bevor er 1911 mit der Ausbildung zum Stickereizeichner begann. Im November 1913 nahm er als Entwerfer in der Stickereifirma Stauder und Co. in St. Gallen die Arbeit auf.
Ab 1917 fühlte er sich immer mehr zum künstlerischen Schaffen hingezogen und besuchte einen Abendkurs für Figurenzeichnen an der Gewerbeschule St. Gallen. Während dieser Zeit war der  Kunstmaler August Wanner sein Lehrer.

Ab 1920 besuchte Jakob Nef die Kunstakademie in Stuttgart. Drei Jahre später verliess er die Akademie, um sich in der Schweiz eine Existenz aufzubauen. 1926 heiratete er Marie Schläpfer aus Rehetobel, mit der er die Kinder Annemarie (1930) und Jörg hatte (1932). Ab 1941 war Nef als Teilzeitlehrer an der Kunstgewerblichen Abteilung der St. Galler Gewerbeschule tätig. Am 14. November 1977 starb Jakob Nef in Herisau.

Der Maler und seine Zeit - eine Würdigung

Künstler suchen immer die Wahrheit. Je besser ihnen das gelingt in ihren Darstellungen, um so wertvoller wird ihre Kunst empfunden. Besonders trifft das auf die bildende Kunst zu - auf die Maler, Zeichner und Grafiker,  ganz speziell aber auf die Karikaturisten. Sie geben Antworten auf kritische Fragen der Zeit. Der engagierte Künstler greift in seinen Bildern an, hofft und träumt von einem Ideal.  Er stellt den Sinn und die Werte einer Gesellschaft in Frage; er hinterfragt die geltenden Regeln und die  Folgen der Gesetze.  Die besten Arbeiten sind oft Visionen für die Zukunft, auf jeden Fall aber Zeugnisse der Zeit. Dies gilt besonders in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs. 

Um dem Werk des Künstlers Jakob Nef näher zu kommen, werfen wir   einen Blick auf die Ereignisse und das gesellschaftliche Denken seiner  Jugendjahre.

Die ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren von Wandel geprägt wie kaum je zuvor, sowohl in technischer wie auch in sozialer  Hinsicht. Man stelle sich vor, wie die Zeit um die Jahrhundertwende aussah: Monarchien und Adel waren als Selbstverständlichkeit im Bewusstsein der Leute. Mit dem riesigen Fortschritt und den vielen Erfindungen mussten sich diese Zeitgenossen hochmodern vorkommen. In immer kürzeren Abständen zeigte die Welt ein neues Gesicht. Das Automobil eroberte die Strassen, Flugzeuge liessen die Menschen staunen, politische Erdbeben folgten, der 1. Weltkrieg tobte und die russische Revolution nahm ihren Lauf. Ganze Reiche brachen zusammen.
Mit dem Radio und Film traten neue Medien in Erscheinung. Diese spielten nun eine viel grössere Rolle für die Kommunikation in der Gesellschaft, was für die Künstler wichtig war. Druckgrafik und Plakatkunst gewannen an Bedeutung.

So ist im Rückblick die Zeit von 1900 – 1930 eine der interessantesten Epochen in der Kunstgeschichte. 

St. Gallen. Die Blütezeit der Stickerei-Industrie prägte die Stadt und die Region. Kunst gehörte wie ein Attribut zu dieser Branche. Emil Hansen, der später als Emil Nolde weltberühmt wurde, hatte von 1891-1897 als Gewerbelehrer am St. Galler Industrie- und Gewerbemuseum unterrichtet. Seinen Schülern gab er eine eine bisher nicht bekannte, revolutionäre Kunstauffassung mit auf den Weg. Einerseits dominierte noch die naturalistisch beeinflusste Malerei der Münchner Akademien die Kunstszene, andererseits keimte bereits in diesen frühen Jahren unter dem Sammelbegriff „Expressionismus“ eine völlig neue, kraftvolle Ausdrucksform heran.  Diese signalisierte der Jugend  den Aufbruch zu einer neuen Sichtweise der künstlerischen Inhalte. 

Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges änderte sich nicht nur die Lebensweise der Künstler zwangsläufig – diese Jahre führten auch zu einem Umdenken und zu einer Neuorientierung. Die allgemeinen Themen änderten sich mit den neuen Problemen der Zeit. Soziale Spannungen, eine unsichere Zukunft und der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit  führten die Künstler auf neue Wege. Sie wollten der Wahrheit näher kommen, die Wirklichkeit darstellen. So entstanden neue Kunstformen, die eine andere Art des Sehens und Empfindens ermöglichten.
Die DADA-Bewegung in Zürich setzte vieles in Frage, während im Zuge der neuen, jungen Kunst hochtalentierte Maler und Grafiker wie Ignaz Epper, Sebastian Oesch und Carlos Schneider mit ihren ausdrucksstarken Arbeiten auf den Expressionismus in der Ostschweiz aufmerksam machten. Auch die Plakatkunst kam zu ihrer höchsten Blüte.

Neben den grossen, noch aktiven Malern dieser Zeit waren aber für Jakob Nef die unvergleichlichen Karikaturisten Olaf Gulbransson, George Grosz, Karl Arnold und alle künstlerischen Mitarbeiter der deutschen Zeitschrift „Simplicissimus“ besonders wichtig. 

Zum Weg der goldenen Freiheit 

Die Grundlage des Werkes von Jakob Nef bildet seine solide Ausbildung. Nach der Lehre als Stickereizeichner in St. Gallen, die ihm zeichnerische Genauigkeit und ästhetische Grundzüge des Stils vermittelte, bildete er sich  zuerst beim Kunstmaler August Wanner (1886-1970) weiter. Beim gleichen Lehrer studierte übrigens Varlin (Willy Guggenheim), der teilweise in St. Gallen aufgewachsen war.

An der Stuttgarter Kunstakademie besuchte Jakob Nef die Malklasse unter dem Maler und Radierer Prof. Christian Landenberger (1862 - 1927).  Landenberger hatte seinerseits an dieser Akademie studiert und sich im weiteren in München unter Defregger ausgebildet.
Bei Jakob Nef führte das zu einer hohen Sicherheit in der zeichnerischen Darstellung. Dieses Studium bildete das Fundament seiner künstlerischen Tätigkeit. Während seiner Studienzeit war er mit dem Meisterschüler von Landenberger, Wilhelm Geyer (1900-1968) befreundet, der sich später in der christlichen Kunst einen Namen machte.
Es kam ihm sicher zugute, dass er auch noch Unterricht beim Maler Fritz Müller nahm, der ein  ehemaliger Schüler des Wegbereiters der modernen Abstraktion, Prof. Adolf Hölzel (1853-1934), war. Dieser war ein Verehrer der französischen modernen Malerei, besonders der „Nabis“. Prof. Hölzel zog einen grossen Kreis von Schülern an, z.B. Emil Nolde, Willi Baumeister,  Johannes Itten, Otto Meyer-Amden, Oskar Schlemmer, Hans Brühlmann, Martha Cunz.  Diese Künstler wurden als Hölzel-Kreis bekannt.  Einige von ihnen sollten später sogar Weltruhm erlangen. 

1923 kehrte Jakob Nef in die Schweiz zurück, um sich eine Existenz aufzubauen.

Die frühen Holzschnitte sind sorgfältig und ordentlich, erreichen aber nicht die Spannung und Dynamik der bedeutenden Expressionisten jener Zeit.

Künstlerisch folgten seine stärksten Jahre als freier Mitarbeiter des Nebelspalters. Die Zeitschrift wagte 1922 einen Neubeginn, nachdem das Blatt  im Jahr zuvor wegen intensiven Abonnentenschwunds (nur noch 380 Abonnenten!) fast ihr Erscheinen einstellen musste.  Mit dem bekannten Otto Baumberger (1889-1961) gewann der Nebelspalter einen prominenten Bildredaktor. Baumberger, der selber viele Zeichnungen und Karikaturen für das Blatt schuf,  gehört zu den  wichtigen Vertretern des Schweizerischen Expressionismus und der Plakatkunst.

So befand sich Jakob Nef nun mitten im Kreis von berühmten jungen Künstlern, die für diese Zeitschrift Beiträge lieferten. Mit dem zunehmendem Erfolg des Nebelspalters gesellten sich auch bekannte Karikaturisten aus dem Ausland hinzu, z.B. Walter Trier und während der Nazizeit Emigranten wie Bil Spira und Zeichner, die ihre Beiträge vorsichtshalber unter einem Pseudonym veröffentlichten. 

Sein Werk – seine Bedeutung 

Jakob Nefs  Beiträge für den Nebelspalter besitzen die Qualität der Arbeiten  von Otto Baumberger, sie stehen ihnen in nichts nach. Ja, sie sind sogar noch treffsicherer in ihrer Aussage.  Auffällig, wie seine Zeichnungen im Gegensatz zu anderen Künstlern immer sorgfältig ausgearbeitet sind und keineswegs den Eindruck eines Entwurfes entstehen lassen. Sie sind eigenständig und in der Aussage direkt, zielen mit spitzer Feder auf Missstände, aber auch Konflikte in der Gesellschaft.
In künstlerisch wertvoller Form hat er diese Beobachtungen aufs Papier gesetzt. Diese Arbeiten sind voller Ausdruck  und Emotion. Sie zeigen das Gesicht dieser Zeit,  mit all ihren Gefahren.  Er zeichnet Menschen mit unschuldigen Gesichtern, die gehorsam ihrer Funktion nachgehen. Man spürt, wie Jakob Nef an das Gute glaubt, wie er nach dem schrecklichen  Weltkrieg eine bessere Welt herbei sehnt.  Es sind Zeugnisse einer Zeit, in der alles ungewiss war.  Er zeigt das Lächerliche an der scheinbaren Ernsthaftigkeit seiner Figuren. Er zeigt das Militär und den Unsinn des absoluten Gehorsams, die Hakenkreuzler,  gewisse Leute, die einzig auf Gewinn bedacht sind, zeigt mit seinen zeichnerischen Mitteln auf sie und ruft den Leuten zu: „Passt um Himmelswillen auf!“. 

So war es einerseits die politische Situation nach dem ersten Weltkrieg, die den jungen Künstlern eine Herausforderung bot, andererseits waren es aber auch die herausragenden Vorbilder aus der Kunstszene, die diese suchenden Maler vor Augen hatten. Die zeichnerische Tradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts bildete die Grundlage für dieses Schaffen. In der Zeit der deutsch-französischen Rivalität war eine Ausbildung in Stuttgart und besonders in München mit seinen berühmten Kunstakademien eine entscheidende Voraussetzung für die deutschsprachigen Künstler aus der Schweiz, um später Erfolg zu haben. Die Westschweiz war eher nach Paris orientiert.  Die Studenten eigneten sich auf diesen Malschulen die nötigen handwerklichen Kenntnisse und das Können an. Das Entscheidende jedoch, das die Genialität ausmachte, nämlich das eigenständige, unverwechselbare und einzigartige ihrer Kunst, den „Göttlichen Funken“ – den musste jeder Künstler durch sein Suchen selbst zur Blüte bringen.

Ein Maler, der nach einer schwierigen Jugend und nach mühsamen Lehr- und Wanderjahren zu seinem höchsten Ausdruck fand, war das grosse Vorbild für Jakob Nef. Ferdinand Hodler (1853–1918), wohl der bedeutendste Schweizer Maler, blieb in seiner Art immer bescheiden und volksnah. Hodler wies damals vielen jungen Künstlern den Weg in eine der erfolgreichsten Epochen der Schweizer Kunst.  Seine Zeichnungen sind visionär. Sie zeigen die Wahrheit hinter der Fassade mit einer Kraft und Wucht, die viele seiner Zeitgenossen nicht vertrugen.

Emotionen fanden im Expressionismus eine völlig neue Darstellung mit immenser Ausdruckskraft. Weitere schweizerische Künstler wie Ignaz Epper, Sebastian Oesch, Fritz Pauli und J.R. Schürch beschritten diesen neuen Weg. 

Auch Jakob Nefs frühe Gemälde besitzen die Kraft und die Inspiration jener Zeit. Sie versprechen für die Zukunft Grosses, doch der Weg des Künstlers zeigte in eine andere Richtung. Er wurde einer der bedeutenden politischen Zeichner des 20. Jahrhunderts. Als einer der Hauptzeichner des Nebelspalters hatte er wesentlichen Anteil am lange anhaltenden Höhenflug der Zeitschrift. Neben der politischen Aussage garantierten hervorragende Künstler das hohe zeichnerische Niveau. Ständige Mitarbeiter waren u.a. die berühmten Maler und Zeichner Otto Baumberger, Willy Guggenheim („Varlin“), Gregor Rabinovitch,  Fritz Pauli, Heinrich Danioth, Carl Böckli („Bö“),  Ernst Morgenthaler, der junge René Gilsi , sogar Niklaus Stoecklin und der Mitbegründer der Zeitschrift, Fritz Boscovits.

Stilistisch gehört Jakob Nef zum Umkreis von Otto Baumberger, der aber in seiner gesellschaftskritischen Haltung weniger direkt Stellung bezieht. In der politischen Aussage ist Jakob Nef klar und deutlich, besonders wenn Diplomatie nicht angebracht ist. Er zeigt mit dem Finger direkt auf die Missstände seiner Zeit.  Sein Vorbild ist die grosse deutsche Zeitschrift „Simplicissimus“, deren Hauptzeichner Olaf Gulbransson (1873–1958) er sehr bewundert.  „Ich verstehe nicht, warum die Leute böse über Karikaturen sind. Ein Gesicht, das sich nicht karikieren lässt, widert mich an. Es kommt daher, dass es überhaupt keinen Ausdruck hat“ – sagte Gulbransson. 

Für die Redaktion und die politisch engagierten Karikaturisten zählte damals zwar nur die Gegenwart und der Kampf gegen die Dummheit und Arroganz der aggressiven Macht. Doch im Rückblick haben sie etwas sehr Bedeutendes geschaffen. Sie haben Kunst mit Wahrheit gleichgesetzt und diese mutig der Öffentlichkeit vor Augen geführt.
Zusammen mit G. Rabinovitch, H. Danioth, René Gilsi und Carl Böckli bezog Jakob Nef am deutlichsten Stellung zu diesen Vorgängen. Darin liegt wohl sein grösstes Verdienst. Während einige der berühmten künstlerischen Mitarbeiter vorwiegend humoristische Beiträge liefern, erzählen seine Arbeiten meistens kritische Bildergeschichten mit ernstem aktuellem Hintergrund. 
Es gab in dieser dramatischen Zeit sehr viele bedeutende Kunstmaler, aber nur wenige hervorragende Zeichner wie Jakob Nef, die mit sicherem Strich gegen Nazis, Gewinnler und Salonlöwen kämpften. 

Die späteren Jahre 

Ein Künstler ist immer im Dialog mit seiner Umgebung.  Seine späteren Jahre verlangten andere Antworten auf die Fragen der Zeit. Es folgte ein ansprechendes,  aber im Ausdruck sanfteres Werk. Die Qualität seiner Arbeiten bleibt, doch die Herausforderungen sind nicht mehr die gleichen. Alles ist nun ruhiger, harmonischer. Im Kreis seiner Malerfreunde, etwa Paul Tanner, Heinrich Herzig und August Wanner pflegte er seine Kunst weiter.

In seiner langjähren Lehrtätigkeit an der Gewerbeschule vermittelte er Grundtechniken und Fähigkeiten an angehende Grafiker und Kunstmaler. Eine erfüllende, schöne Aufgabe, die aber den Kämpfer aus der ersten Reihe auf einen anderen, beschaulicheren Weg wies. Ohne  Zweifel liegt seine Bedeutung in seinen Zeichnungen und den frühen Ölgemälden. 

Jakob Nef hat sich nie in den Vordergrund des Kunstmarktes gedrängt. Hinter ihm standen zu keiner Zeit wohlhabende Mäzene, Institutionen oder Galeristen, die sein Werk einem grösseren Kreis bekannt machten.
Sein bedeutendes Werk aber, das viele Zeichnungen, Ölbilder und Grafiken umfasst, verdient Anerkennung und Pflege durch die Öffentlichkeit.

Wie hiess es doch schon in einer frühen Zeitungskritik zu einer Ausstelllung im Jahre 1924: „Der Kunstfreund wird gebeten, den Zeichnungen Nefs liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken“.

(Hans Widmer)